Gedenkstätte der Sozialdemokratie – Victor Adler

Als Armenarzt war er mit den katastrophalen Arbeits-, Lebens- und Gesundheitsbedingungen der arbeitenden Bevölkerung konfrontiert. Bald wusste, dass die Symptome der Krankheiten der AN-Innen nicht heilbar sind, wenn man Lebenssituation dieser Menschen von Grund auf radikal verändert.
Er war ein wichtige Triebfeder der Gründungsbewegung der Sozialdemokratie in Österreich. Für sein politisches Engagement wurde er 17 mal gerichtlich verurteilt, insgesamt 18 Monate ins Gefängnis gesperrt. Auch am 1. Mai 1890.

Das Leben von Victor Adler

24. Juni 1852
Geboren in Prag, nach dem Medizinstudium schloss er sich den Deutschnationalen an und verließ diese wegen der antisemitischen Tendenzen und trat dem Arbeiterbildungsverein bei.

1886
Er war Armenarzt im 9. Bezirk. Die Spaltung der Arbeiterbewegung in
„Radikale“ und „Gemäßigte“ konnte er am 11.12.1886 bei einer Diskussionsveranstaltung überwinden.
Er gründete die Wochenzeitung „Gleichheit“, die bis 1889 erschien. Dann wurde sie verboten.

Victor Adler und die Ziegelarbeiter
Von einem Arbeiter auf diese erbärmlichen Zustände aufmerksam gemacht, ließ sich der junge Arzt Dr. Victor Adler von einem Ziegelmeister, dem Großvater von Amalie Pölzer, in die Wienerberger Werke einschleusen.
Dann berichtete er im Dezember in einer mehrteiligen Artikelserie in seiner Zeitung „Gleichheit“ über die „Sklaven vom Wienerberg“. Damit wurde die Öffentlichkeit erstmals auf die fürchterliche Ausbeutung der, meist aus Böhmen und der Slowakei zugewanderten, Ziegelarbeiter aufmerksam gemacht. (1)

„Das Elend allein macht vielleicht zum Schnapsbruder. Aber erst die Überzeugung, dass dieses Elend nicht notwendig ist, macht revolutionär!“

  • Abschaffung des Trucksystems (Blechgeld)
  • Lohnerhöhungen
  • Einhaltung des Elfstundentages und der Sonntagsruhe
  • Abschaffung eines ungerechten Prämiensystems
  • Streiks für bessere Arbeits- und Lebenssituation der ZiegelarbeiterInnen

1888
Er hatte entscheidenden Anteil, dass am 30.12.1888 in Hainfeld die Delegierten am
Parteitag das Hainfelder Programm beschlossen.

1889
Ab 12. Juli 1889 gründete er die „Arbeiterzeitung“, die ab 1. Jänner 1895 täglich erschien. In diesem Jahr begann Victor Adler eine Kampagne für die streikenden Tramwaykutscher für die er in der Öffentlichkeit große Sympathie fand.

1890
Im Wiener Prater die 1.Mai-Feier abgehalten. Victor Adler, der für diesen Tag und für den 8 Stunden-Tag gekämpft hatte, verbrachte den 1. Mai in einer Zelle des Wiener Landesgerichtes. „Es war“, wie er schrieb,

„ein einsamer Tag, einsamer als jeder andere in den vier Monaten, die ich abzusitzen hatte, aber ein Tag der tiefsten Aufregung, die ich heut noch in mir zittern fühle, wenn ich an ihn denke.“

1899
Unter Adlers Federführung wird das „Brünner Nationalitätenprogramm“ verabschiedet. In diesem bekennen sich die Sozialdemokraten zu einem österreich-ungarischen Bundesstaat autonomer Völker.

1901
wurde er in den niederösterreichischen Landtag gewählt (Wien gehörte damals zu NÖ)

1905
Mitglied des Reichsrats

1907
Der Kampf um das Wahlrecht
Fast zwanzig Jahre führte Victor Adler einen Wahlrechtskampf. Er führte zu einem Erfolg.  Als einziger Sozialdemokrat gehörte er dem Wahlrechtsausschuss des Reichsrates an und konnte sich hier für die Erlangung des Allgemeinen Wahlrechtes einsetzen, das schließlich unter dem Druck einer Generalstreikdrohung durchgesetzt werden konnte. 1907 war es so weit.

Die Sozialdemokraten werden nach den Parlamentswahlen erstmals stärkste Partei in Österreich-Ungarn.

1917
Victor Adler nimmt an der sozialistischen Friedenskonferenz in Stockholm teil. Er fordert die Beendigung des Kriegs auf der Grundlage eines Verständigungsfriedens.

1918
wurde er Staatsekretär für Äußeres – am 9. November hielt Adler seine letzte Rede im
Staatsrat.
Einen Tag vor der Proklamation der Republik Österreich starb Adler.

Victor Adler – Kurzbiografie

Victor Adler und Bildung

„Das was man gewöhnlich unter Bildung versteht,
das was die bürgerliche Gesellschaft als Bildung anerkennt,
das ist vor allem die Fähigkeit, korrekt zu schreiben, korrekt zu reden, korrekt zu essen und sich korrekt anzuziehen.
Dazu muss man noch ein Quantum von Dichtern, Komponisten und Philosophen dem Namen nach kennen und muss beiläufig wissen, wann man im Theater „Bravo“ zu rufen hat.
Das ist die Bildung der bürgerlichen Gesellschaft.
Wir verlangen von euch keinerlei Korrektheit, wir verlangen von euch nichts als Selbsterkenntnis.
Darüber nachzudenken wie ihr geworden seid und was aus werden soll, euer Verhältnis zur Gesellschaft geistig zu erfassen, das nenne ich Bildung.
Und auf eine noch höhere Bildung gelangt ihr, wenn einmal die Erkenntnis den Willen geweckt hat, wenn aus dem Bewusstsein Produkte der Gesellschaft zu sein, das bewusste Streben erwächst, ihre Herren, ihre Former und Lenker zu werden.“


Victor Adler – Hofrat der Revolution

Mit dieser Überschrift beschreibt Wolfgang Maderthaner in der Zeit den Werdegangs Adlers vom Armenarzt zum SPÖ-Parteigründer und zu einem der wichtigsten Baumeister der Ersten Republik.

Robert Misik schildert in seinem Blog den Kampf Victor Adlers für das allgemeine Wahlrecht.

Zum ersten Mal spreche ich zu Ihnen nicht mehr als zu Rechtlosen, sondern zu Wählern!“

Er kämpfte mit den GenossInnen der aufstrebenden ArbeiterInnenbewegung für das Recht zu Wählen. 1907 wurde das direkte, allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht eingeführt – aber NUR für Männer! 1918 das allgemeine Wahlrecht für ALLE.

Anita Winkler schreibt in Welt und Welten der Habsburger zu Victor Adler – Das Ziel einer klassenlosen Gesellschaft teilte Victor Adler mit dem Chefideologen der Arbeiterbewegung Karl Marx. Doch der Weg sollte unterschiedlich beschritten werden.

Politik_Aktuell_2-2018_Die_Gruendung_der_Republik_1918


Artikel im Kurier vom 8. Jänner 2019

Als Victor Adler und seine Mitstreiter zum Jahresende 1888 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei SDAP – und damit die Vorgänger-Organisation der SPÖ – gründen wollten, wäre ihr von langer Hand geplantes Ansinnen beinahe an einer profanen Notwendigkeit gescheitert, nämlich: an einem ordentlichen Veranstaltungslokal.

Die Dinge waren damals nicht ganz einfach. In Wien und den angrenzenden Bezirken galt Versammlungsverbot. Und weil man wusste, dass der Bezirkshauptmann in Lilienfeld der Arbeiterbewegung grundsätzlich wohlwollend gegenüberstand, entschieden Adler und die Seinen, dass man Österreichs Sozialdemokraten in Hainfeld, genauer gesagt: im „Wirtshaus „Zum Goldenen Löwen“, versammeln solle. Das Problem war nur: Der Wirt wollte das so gar nicht.

Zehetner, so hieß der Mann, fürchtete schwere Repressalien, auch den Zorn des Bürgermeisters. Und so bedurfte es der Überredungskünste des Armenarztes und Journalisten Adler, den Wirt vom Gegenteil zu überzeugen. Von 30. Dezember 1888 bis 1. Jänner berieten 80 Delegierte und 25 Gäste aus 13 Kronländern in Hainfeld, um die Grundsätze einer, ihrer Arbeiterpartei zu fixieren.

Für Karl Renner, den ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik, hat der Ort seither den Status eines „Betlehems des österreichischen Sozialismus“. Das mag überzogen, ja pathetisch klingen. Unbestritten ist: In Hainfeld gelangen – abgesehen von der formalen Gründung – gleich mehrere Dinge von historischer Relevanz.

Urtrauma
Der wissenschaftliche Leiter des Karl-Renner-Museums, Michael Rosecker etwa, ist überzeugt, dass in Hainfeld ein „Urtrauma“ der Sozialdemokratie – die Parteispaltung – überwunden und in ein bis heute gültiges Mantra verwandelt werden konnte: das Wichtigste ist Einigkeit. Hinzu kommt, dass das Programm über weite Strecken Inhalte vorwegnahm, die bis heute aktuell sind. Wie sehen gute Arbeiterschutzgesetze aus? Warum ist eine kostenlose Ausbildung für Kinder richtig und notwendig? Fragen wie diese wurden in Hainfeld beantwortet.

Wenn sich die SPÖ heute, Dienstag, mit einem Festakt in Hainfeld an den 130. Jahrestag der Gründung erinnert, wird Parteichefin Pamela Rendi-Wagner versuchen, Parallelen zu 1888 zu ziehen.

Denn für die erste Frau an der SPÖ-Spitze gibt es etwas, „was uns von anderen Parteien fundamental unterscheidet“: „Während manche der Überzeugung sind, es reicht aus, Almosen zu vergeben, sind wir Sozialdemokraten der festen Überzeugung, dass jeder Mensch – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Vorstellungen und ökonomischen Möglichkeiten – das natürliche Recht hat, ordentlich und mit Respekt behandelt zu werden.“


 


Inhaltsverzeichnis:

(1) http://www.favoriten.spoe.at/victor-adler-und-die-ziegelarbeiter